„Native ist nicht affin“. Oder: Warum das Geburtsjahr nichts über digitale Kompetenz aussagt

Digital affin

Als ich den Begriff „Digital Natives“ zum ersten Mal hörte, ärgerte ich mich etwas. Da gab es also angeblich eine Generation von jungen Leuten, die aufwächst mit allem, was digital ist und sich dies zu Nutze macht. Eifersucht?

Ein bisschen. Ich bin Jahrgang 1971 und trotzdem eindeutig „digital-affin“, komme ohne mein Laptop oder mein Smartphone nur sehr ungern zurecht. Zu groß die Vorteile, der Komfort, und ja, der Spaß. Und ja, ich kenne mich aus – so gut, dass ich keine Angst habe vor einem Computer, vor E-Mails oder „diesem Internet“. #Neuland? Nein, das ist es für mich nicht mehr. 

Und ich lebe kein on- oder offline-Leben, kein 1.0 oder 2.0, sondern beides zusammen. Ich besuche Bloggerkonferenzen, bei denen ich Leuten begegne, die ich nur aus dem Internet kenne. Von denen ich weiß, über welche Themen oder in welchem Stil sie schreiben. Und die sich dann alle auch im sogenannten richtigen Leben treffen. Natürlich! Selbstverständlich twittere oder instagramme ich während eines Vortrags. Aber gerne sitze ich abends auf dem Sofa und häkle. Also: offline. Vielleicht höre ich allerdings Musik dabei, die aus einem iPod kommt…

Technischer Fortschritt

Mein digitales Leben begann früh: Mein Vater besaß schon einen Computer, so bald man sie sich leisten konnte. Mein Bruder und ich haben Basic-Programme geschrieben und komische Spiele auf einem MSX-Computer gespielt, indem wir den kleinen Schwarz-weiß-Fernseher als Monitor nutzten und einen Cassettenrecorder als Laufwerk. Fledermäuse abschießen war besonders lustig. Keine Ahnung mehr, wie das Spiel hieß… 1995 bekam ich meine erste E-Mail-Adresse, damals noch eine wirre Kombination aus Zahlen und Buchstaben, und gehostet beim Rechenzentrum der Uni. Die Einwahl geschah über die DOS-Oberfläche des Rechners, indem man lange probierte, bis es einmal nicht besetzt war. War das geschafft, hieß es schnell sein: Mails checken und die absenden, die man schon vorab offline geschrieben hatte. Denn online zu sein war teuer. Und Internet gab’s auch noch nicht so richtig.

Ein paar Jahre später setzte ich meine erste eigene Webseite auf. Noch kein Blog, aber immerhin mit eigenen Texten. Ich war in Foren unterwegs, nutzte meinen Rechner für das Studium. Und traf Kommilitoninnen, die Angst davor hatten: Einmal den Cursor falsch gedrückt, und der ganze Text war weg! Aargh. Nein, nein, das war nur der Scrollbalken.

Als Social-Media-Beraterin treffe ich heute viele Leute, die älter oder jünger sind als ich und viel Respekt haben vor diesem Internet. E-Mails oder SMS schreiben sie gerne, aber alles andere wird kritisch gesehen. Oft höre ich das Argument: „Keine Zeit“. Ja, mein Leben 2.0 erfordert Zeit. Aber mein Leben 1.0 auch. Und sagte ich nicht oben, dass es sich mischt? Genau: Ich lebe mein Leben und mache das, wozu ich Lust habe – ob das nun online oder offline ist! Diesen Menschen oder auch Unternehmen über die Schwelle zu helfen hinein ins Web 2.0 ist eine spannende Aufgabe. Ihnen die Begeisterung, mit der ich selbstverständlich „moderne Medien“ nutze, zu vermitteln und sie im besten Fall damit anzustecken, was die Faszination ausmacht: toll!

Technischer Fortschritt

Sollen mir „Digital Natives“ nun etwas voraus haben? Was machen sie heute anders als ich damals? Lohnt sich also die vermeintliche Eifersucht auf eine Generation, die technisch fortschrittlicher aufwächst als ich früher? Nein. Auch ihre Kinder werden wiederum in einer noch weiter technisierten Welt leben. Das ist eben der Fortschritt.

Wichtig zu erkennen ist aber: Nicht alle, die der Generation „Digital Natives“ angehören, sind damit automatisch schlauer oder kompetenter. Nicht alle sind total online-affin. Vielleicht ist es für sie selbstverständlich, keinen Festnetzanschluss mehr zu haben. Ich habe auch keine Lochkarten mehr benutzt, um Computer zu bedienen. Ja und? Fest steht auch: Viele der sogenannten „Digital Immigrants“, also der Menschen meiner Generation, die viel Ahnung von digitalen Themen haben, haben „trotz“ ihres Alters teilweise mehr Ahnung als ein junger Mensch, der Facebook nur zum Spielen nutzt. Und auf der anderen Seite gibt es genau so viele Jüngere, die im Netz Dinge machen, von denen ich noch nie gehört habe. Das ist schön, denn wir ergänzen uns und lernen voneinander!

Liebe Menschen und Unternehmen da draußen, die ihr Begeisterte für neue Jobs sucht: Schaut nicht nur auf das Alter. Sondern auf die Kompetenz, die Erfahrung, auf den Spaß und das Können. Zusammen können wir die Anderen begeistern, Netzwerke bilden und uns austauschen.

Dieser Artikel ist ein Beitrag zur Blogparade von Sandra Schink aka @_shamani zum Thema „Lasst uns über Digital Natives reden“. Danke für diesen Diskussionsanstoß, liebe Sandra!

 

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Inga
Social Media Managerin, evangelische Theologin, Bloggerin. Ziemlich oft online. Fotografiert, zeichnet und denkt sich immer wieder etwas Neues aus.

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