Schweden: innovativ, digital, pragmatisch

Mein Urlaub in Schweden ist vorbei. Obwohl ich schon oft im Land der Mitternachtssonne war und auch einige Zeit dort gelebt habe, bin ich immer wieder über den Fortschrittsgeist dort erstaunt. Dieses Mal beeindruckt mich, da ich seit vier Jahren gar nicht mehr in Schweden war, besonders der Mut zur Innovation im Alltag.

Sag mir deine Nummer

Historisch gesehen begann dies bereits in den 1940er Jahren mit der Einführung der personnummer. Jeder Schwede erhält bei der Geburt eine individuelle Nummer, die aus Geburtsdatum und Kontrollziffer besteht und überall bei Bedarf angegeben wird. Ohne diese Nummer fehlt einem in Schweden wirklich etwas.

Hinzu kommt eine für deutsche Verhältnisse krasse Transparenz. Alle Steuererklärungen sind öffentlich einsehbar. Egal ob von Politikern oder dem Nachbar: Schweden wissen, was der andere verdient und welche Besitztümer es gibt. Der gläserne Mensch ist in Schweden längst Wirklichkeit. Der Vorteil? Abgesehen von der praktischen Verwaltung beugt Öffentlichkeit natürlich auch Korruption vor – wer allerdings kriminell sein will, wird das auch in Schweden schaffen…

Sommerurlaub vorbereiten

Um nach Schweden zu reisen, braucht man heute weder Visum noch sich vorher Devisen zu beschaffen, und auch Zollkontrollen wie früher entfallen. 1995 trat Schweden der EU bei, wenn es auch bisher kein Mitglied der Währungsunion ist. Offizielles Zahlungsmittel ist die schwedische Krone.

Bargeld oder Kartenzahlung

Reiseschecks ein- oder Geld umtauschen? Macht man nicht mehr. Mit der Kredit- oder EC-Karte erhält man natürlich auch in Schweden Bargeld am Automaten.

Aber halt – Bargeld? Das nutzen die Schweden eigentlich kaum noch. Ziel des Staates ist, Bargeld ganz abzuschaffen. Konsequent werden seit Jahren kleine Münzen aussortiert. Gab es 1993, als ich in Schweden arbeitete, noch 10- und 50-Öre-Stücke, entfielen diese in der Zwischenzeit. Die Öre als Untereinheit der Krone ist damit ausgestorben, nun existieren noch 1, 5 und 10 Kronen-Stücke. Doch eine neue Meldung macht auch damit Schluss: bis 2017 werden auch 1- und 5-Kronen-Münzen abgeschafft (entspricht ungefähr 10 und 50 Cent!).

Zwar werden 2015 neue schwedische Geldscheine ausgegeben. Aber auch für diese gibt es langfristig keine Zukunft. Denn: Schweden will bargeldlos werden. Hauptsächlich begründet wird dies mit Sicherheitsaspekten. Die Kredit- oder Bankkarte stellt das neue Zahlungsmittel der Wahl dar.

Konsequenterweise kann man überall alles mit der Karte bezahlen: In Geschäften, Restaurants und an Automaten sowieso. Aber selbst im Stockholmer Museumsdorf Skansen akzeptieren die kleinen Hüttengeschäfte die Karte. Schließfächer bei der Bahn, Toiletten im Kaufhaus, Parkhäuser oder Tankstellen – alles läuft hier nur über die Karte.

Viele Geschäfte, Cafés oder Museen akzeptieren übrigens nur noch die Karte und nehmen schon jetzt gar kein Bargeld mehr an.

Tickets und Fahrkarten

U-Bahn | schokofisch.deNatürlich lassen sich auch Tickets für die U-Bahn in Stockholm mit der Karte zahlen. Aber: Tickets existieren (fast) nur noch digital. Einzelfahrten kann man noch ausgedruckt am Automaten erwerben (die man aber mit der Karte zahlen muss). Im Bus zum Beispiel bekommt man keine Fahrscheine mehr.

Wer Zeitkarten, also Tages- oder Wochenkarten, erwerben möchte, benötigt eine Access-kort. Dabei handelt es sich um eine Plastik-Trägerkarte mit Chip, auf die das gewünschte Ticket gekauft und hochgeladen wird. Durchquert man die Sperre an der U-Bahn, hält man die Karte an den Lesegerät und erhält Durchgang. Im Bus funktioniert es ähnlich. Bargeldlos und papierlos.

Bereits 1993 hatten Dauerkarten in Stockholm einen eingefügten Magnetstreifen, über den sich die Sperren an den U-Bahnen öffneten. Und während meines Studiums in Uppsala 1997 lud man sich für den Bus das Ticket bzw. einen Geldbetrag auf die Karte und hielt sie an das Lesegerät.

Wenn ich bedenke, dass meine Heimatstadt Hamburg bis heute nur Papiertickets verkauft und es keine elektronischen Tickets außer (immerhin) für Mobiltelefone gibt, wird mir etwas schwindelig…

Always on? Natürlich. Und günstig.

Ich bin online. Immer, wenn es geht. Um Roaminggebühren zu sparen, kaufte ich mir in Schweden angekommen eine schwedische SIM-Karte (kontantkort, gibt es von verschiedenen Anbietern an jedem pressbyrå = Kiosk). Darauf lädt man dann die gewünschten Optionen: Telefonier-Flatrate, Internet, SMS… Es existieren unzählige Varianten, abhängig vom Anbieter und von den eigenen Wünschen.

Flatrate | schokofisch.deFür den kurzen Aufenthalt reichte mir (dank WLAN in der Unterkunft) eine Internet-Flat mit 1 GB. Das ist aber gar nichts. In Schweden bekommt man gerne und günstig eine 100 GB Flat – ich glaube, das habe ich in Deutschland überhaupt noch nie gesehen. Der schnelle Vergleich ergab bei einem deutschen Anbieter 20 GB für den dreifachen Betrag wie in Schweden, der andere bot nur bis zu 10 GB für den selben Preis an wie in Schweden für 100 GB.

Ich gebe zu: Ich war (und bin) fassungslos. Mein eigener Anbieter bietet immer noch ein Urlaubs-Roaming-Paket mit 100 MB (!) Volumen für eine Gültigkeitszeitraum von einer Woche an… Ich weine leise.

Schweden ist das Land, das neben Finnland am innovativsten war, was vor 20 Jahren die Einführung von Mobiltelefonen anging. Und das merkt man. Sehr.

Ach so: Das Kaufen einer schwedischen SIM-Karte war ganz einfach. Ohne personnummer (was allerdings nicht bei allen Anbietern funktioniert), dann die neue Karte einlegen, aktivieren und fertig. Eine Sache von Minuten.

Selbstbedienung und Selbstzahlung

Das Prinzip der Selbstbedienungsläden stellt heute natürlich kein Phänomen mehr da. Als der schwedische Möbelladen IKEA vor einigen Jahren in Deutschland allerdings das Selbstkassieren einführte, gab es allerdings viele kritische Stimmen. Zu Unrecht, denn das System wurde auch bei uns weiter ausgebaut. Inzwischen findet man es auch in Supermärkten, wenn auch in wenigigen. Aber: Das Prinzip kommt aus Schweden.

Man findet es in allen größeren Supermärkten. Hunderte von Scannern warten am Eingang auf die Kunden, am Ende liest man das ganze nur noch aus und steckt die Karte ins Lesegerät, um zu bezahlen. Der Schritt zum implantierten Chip und automatischer Abbuchung ist irgendwie nicht mehr weit…

Erkenntnisse und Konsequenzen

Was lernen wir? Mir wurde etwas seltsam zumute, als ich mein deutsches Kleingeld nach dem Urlaub wieder ins Portmonee füllte. Und beim ersten Einkauf 3,87 Euro zahlen sollte. Daher:

  • Schafft die Kleingeldmünzen ab! Zumindest das Kupfergeld. Bitte. In Schweden wurde bis zur Abschaffung der Öre auch schon gerundet. Es geht irgendwann auf, bestimmt. Und auch andere Länder wie Finnland und die Niederlanden haben auf das kleine Kupfergeld beim Euro verzichtet bzw. es abgeschafft.
  • Senkt die Gebühren für Kartenzahlung! Für Kreditkarten noch Gebühren zu verlangen, ist nicht zeitgemäß. Und hier spreche ich auch für die Händler, die manche Kreditkarte gar nicht annhmen, weil es einfach zu hohe Kosten verursacht.
  • Führt elektronische und digitale Tickets im Nah- und Fernverkehr ein! Alles andere ist Kinderkram.
  • Seid mutiger. Innovativer. Denkt global und digital. Für stabilere und günstige (und mehr offene) WLAN-Netze und Internet-Geschwindigkeiten. Denn sonst überholen uns andere Länder noch auf dem Standstreifen.

Als nächstes werde ich dann digitale Nomadin in Schweden… 😉

Was sind eure Erfahrungen im Urlaub oder in anderen Ländern? Habt ihr weitere Beispiele?

 

 

 

 

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Inga
Social Media Managerin, evangelische Theologin, Bloggerin. Ziemlich oft online. Fotografiert, zeichnet und denkt sich immer wieder etwas Neues aus.

5 Kommentare

  1. Hej,
    toller Beitrag und sooo wahr. Ich lebe in Schweden und genieße die eher bargeldlose Methode – vor allem bei den Parkautomaten. Hier gibt es kein stetes schreckhaftes Suchen nach den passenden Münzen, wie in anderen Ländern. Einzig beim Einkaufen in manchen Geschäften, in denen der Einkaufswagen noch mit einer Münze gelöst werden muss, stelt mich vor Probleme 🙂

    … und zu deiner Flat – in vielen öffentlichen Plätzen kann das Internet auch kostenlos und jedem frei verfügbar genutzt werden. Ein wirklicher Luxus, der mich in anderen Ländern doch gern einmal vor Probleme stellt, da ich es nicht gewohnt bin „offline“ zu sein.

    Grüße aus Schweden Heike

    1. Hej liebe Heike,
      besten Dank! Freut mich, dass du als in Schweden Lebende das bestätigen kannst! Und: Ja, die Diskusion um ein freies WLAN tobt hier ja auch schon – noch ist man (natürlich) in Deutschland sehr zurückhaltend. In Stockholm habe ich allerdings nicht soo oft eines gefunden… Vielleicht aber auch eine Frage des Suchens 🙂
      Herzliche Grüße nach Norden!
      Inga

  2. Schweden hat sicher viele Vorteile, aber die Abschaffung des Bargelds und die damit verbundene totale Transparenz ist für mich eine gelebte Dystopie orwell’schen Ausmasses. Die Staat und Wirtschaft wissen jederzeit, wo ich mich aufgehalten habe (bis hin zum Klobesuch), was ich gegessen habe, was ich gekauft habe, wohin ich gefahren bin und mit welchem Verkehrsmittel … Ich hoffe, dass das bei uns zumindest zu meinen Lebzeiten nicht mehr eingeführt wird. Diese Sicherheitsesoterik als vorgeschobene Begründung für die komplette Überwachung des einzelnen Bürgers – für mich ist das der totale Horror.

  3. Liebe Inga,

    toller Beitrag. Wobei: Selbstbedienungskassen kenne ich schon seit irgendwann Anfang der 2000. Damals hat der Extra-Markt neben der Metro solche Kassen eingeführt. IKEA zog – zumindest hier in Deutschland – erst Jahre später nach. Ich find’s allerdings sehr schade, dass es die Selbstbedienungskassen scheinbar nicht schaffen weiter durchzusetzen. Sie sind so unfassbar praktisch. Was ein Leben ohne Bargeld betrifft: Das kann ich mir einfach nicht vorstellen. Ich bin gespannt, wo die Reise hingeht.
    So, ich setze dann jetzt erst mal Schweden auf die Reise-Wunschliste …
    LG Mel

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