Hilft beten?

Letzte Woche schrieb ich hier in meiner Kolumne für die „Kirche im NDR“ über Angst: Vor sich seltsam aufführenden Staatsmännern oder der zunehmenden Klimaproblematik. Und dass ich spüre, wie sehr mich solche Themen aufregen, die mich früher vielleicht gar nicht (so sehr) berührten.

Ich setzte mich mit der Frage auseinander, ob Bibelworte gegen diese Ängste helfen. Als Beispiel nenne ich: „Jesus sagt: ‚In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden‘.“ (Johannes 16,33)

Mein Fazit: Eigentlich möchte ich die Politiker, die Klimawandelleugner, die Verschieber, die „ich fahre-trotzdem-im-SUV“-Typen anschreien. Okay, das klingt vielleicht etwas aggressiv. Aber: Eine Klage, ein Gebet, ein mich-an-Gott-wenden, so spüre ich, würde mir da nicht weiterhelfen. Das möchte ich in diesem Artikel ausführen.

Klage als biblisches Stilmittel

Die Bibel erzählt viel von Leid: persönlichem Leid und Schicksal, aber auch dem des Volkes Israel. Menschen werden von Gott von A nach B geschickt, von Feinden entführt oder gefangen gehalten. Bekommen extreme Aufträge, wie Abraham, der seinen Sohn Isaak als Brandopfer darbringen soll. Viele dieser Menschen erhalten von Gott im Traum oder in einer Offenbarung den Auftrag, darüber zu sprechen, und werden zu Profeten. Nicht wenige weigern sich allerdings, und wollen nicht – oder bestreiten, dies überhaupt zu können. Andere klagen von sich aus – Hiob ist dafür ein bekanntes Beispiel, der zum Spielball wurde und alles verlor.

Da die Bibel ein Buch sehr vieler verschiedener Stilrichtungen ist, lesen wir nicht nur Berichte über diese Menschen, sondern lesen auch ihre Klagen. Als Klagepsalm oder der Klage des Volkes. Traurig, wütend, verzweifelt, hoffnungslos, aber auch anklagend und fordernd wenden sich die Sprecher an Gott.

betende Hände
Gebet | Foto: Pixabay

„Ich bete für dich“

In meinem Bekanntenkreis gibt es inzwischen leider mehrere Menschen, die fiese und lebensbedrohliche oder nicht heilbare Krankheit haben. Gefühlt ist es ja so, dass man, je älter man wird, immer neue solcher Nachrichten erhält. Und sich jedes Mal neu ohnmächtig fühlt, wie man reagiert, um Worte ringt, Tröstendes sagen möchte (aber jedes Mal auch selber auf seine eigenen Grenzen zurückgeworfen wird).

„Ich bete für dich“, lese oder höre ich manchmal als guten Wunsch darauf.

Dieser Satz wirft mich immer wieder um. Natürlich ist er gut gemeint und vielleicht hilft er ja. Mich hinterlässt er aber auch sprachlos. Weil ich inzwischen merke: Ich will lieber schreien. Aus Leid – oder Mitleid –, aus Verzweiflung, aus Wut. Wie bei den Klimaverantwortlichen und den Selfie-Politikern.

Trägt mein Glaube mich nicht?

Gibt es ihn überhaupt? Warum kann ich mich nicht an Gott wenden?

Mir fehlt der konkrete Bezug, das merke ich. Das Gegenüber. Gott ist abstrakt geworden. Als Resultat klingt „Ich bete für dich“ für mich inzwischen wie eine Floskel, die nichts auslöst. „Wir beten für einen Wandel in der Klimapolitik“ oder „Wir beten für eine stabile Politik, die alle Menschen gleich behandelt“ – diese Sätze hören sich für mich an wie ein Haschen nach dem Wind.

„Ich sah an alles Tun, das unter der Sonne geschieht, und siehe, es war alles eitel und Haschen nach Wind.“

Prediger 1,14

Aktives Tun ist gefragt

Wenn es um den Klimawandel geht, bewundere ich „die jungen Leute“, die mit der Aktion Fridays for Future auf die Straße gehen. Endlich aufstehen – und ihre Wut äußern, um sich Gehör zu verschaffen. Die Verantwortliche anschreien. Sie wollen Taten sehen, die von der Politik weltweit viel zu sehr aufgeschoben wurden. Sie wollen einen schnellen Wandel, bevor es zu spät ist.

Fridays for Future | Foto: Unsplash, Markus Spiske

Mich beeindruckt das. Und ich spüre auch: Hier kann man, kann jeder selbst, kann ich etwas verändern. Überlegen, ob ich das Auto benutzen muss. Wie viel Fleisch ich essen möchte oder muss. Wie verantwortlich ich mit den Ressourcen umgehe.

Was ist das im Vergleich zu einem Gebet?

Es bleiben viele Fragen

Man kann politisches oder gesellschaftliches Engagement nicht mit dem Gebet vergleichen, ich weiß. Und ich stelle mir hier auch nur Fragen. Vielleicht sind die einen besser im Beten, die anderen im aktiven Handeln.

Doch zu spüren, wie wenig mir das Gebet inwischen bedeutet, schreckt mich auf – weil es (m)einen persönlichen religiösen Bedeutungsverlust beinhaltet.

„Helfen mir Bibelworte aus meiner Angst und Wut? Keine Ahnung“, schreibe ich in meiner Kolumne. Und das gilt auch hier. Keine Ahnung, was hilft. Aber es aufzuschreiben, mir bewusst zu machen, tut gut – auch wenn es gleichzeitg wehtut.

Diesen Beitrag teilen:

Karfreitag

Karfreitag

Ein strahlend schöner Tag: Blauer Himmel, draußen zwitschern die Vögel, die Frühlingsblumen tun ihr bestes.

Aber: Es ist Karfreitag.

Wenn ich durch meine Social-Media-Timeline blättere, freut sich die eine Hälfte über den Feiertag. Ist unterwegs, verbringt das lange Wochende oder die Ferien am Meer, in den Bergen, draußen. Genießt das Wetter und die Zeit mit der Familie oder Freunden. Wünscht schon mal frohe Ostern.

Die andere Hälfte meiner Timeline ist gesammelt und betroffen, denn heute ist ja Karfreitag. Das sind hauptsächlich die aus dem kirchlichen Umfeld. Ich lese Trauergebete, sehe schwarze Statusmeldungen und Ankündigungen zu Andachten zur Sterbestunde Jesu.

Was für ein Gegensatz. Wie könnte er größer und sichtbarer aufeinanderprallen als an einem solchen Frühlingstag.

Zwischen getragener Stille und Ostervorbereitung

„Was essen wir heute Mittag?“ An Karfreitag isst man kein Fleisch. Von draußen weht der Bratenduft der Nachbarsküche hinein.

An Karfreitag ist es still und in sich gekehrt. Von der anderen Seite wehen rockige Musikklänge herüber, und ein startendes Flugzeug überquert lärmend das Haus. Der Traktor mit quirligen Nachwuchs-Jugendfeuerwehrleuten sammelt Holz fürs morgige Osterfeuer.

An meine Kindheit und wie wir da mit dem Karfreitag umgegangen sind, habe ich keine konkrete Erinnerung. Aber tief in meinem Innersten hege ich eine streng protestantisch verankerte Auffassung: An Karfreitag ruht das Leben. Draußen die Wäsche aufhängen oder im Garten arbeiten? Undenkbar.

Der äußere Widerspruch bringt mich in einen Konflikt. Warum nicht den freien Tag genießen? In den Gottesdienst gehe ich heute nicht. Mir persönlich bedeutet der Karfreitag nicht so viel. Schon früher fand ich den Kontrast seltsam, wenn ich doch wusste: Am nächsten Abend zur Osternacht, spätestens aber am Ostersonntag, freue ich mich wieder. Karfreitag war immer trocken und spröde. „Künstliche“ Trauer? Ich konnte mich nie einfühlen.

schokofisch.de

Mein persönlicher Bedeutungsverlust

Heute überlege ich, ob mir der Karfreitag als Feiertag nicht schlicht weggerutscht ist. Mein Glaube beruht nicht auf einer Opfertheologie, auf Leiden, einer (paulinischen) Sündentheologie. Schon früher behagte mir das Konstrukt von Sünde und Vergebung nicht, und auch während des Theologie-Studiums löste sich dies nicht auf.

Mein Glaube stützt sich darauf, Gott an meiner Seite zu wissen. Einen Beistand zu haben. Jemand, der mich auffängt, wenn es mir schlecht geht. Also eher eine Theologie des Trostes. Ein Sühneopfer widerstrebt mir. Und deswegen ist mir auch der Karfreitag fremd.

Sollte ich aus dieser Situation heraus einem Tanzverbot zustimmen? Den Nachbarn ermahnen, der Holz hackt, oder bei der Nachbarin klingeln, sie möge doch bitte von der Zubereitung von Fleisch absehen?

Stille darf, aber muss nicht

Nein, ich möchte den Karfreitag als Feiertag nicht abschaffen. Stille soll Platz haben dürfen. Ich muss mich aber deswegen auch nicht zur Trauer zwingen oder ein künstliches Klima der Niedergeschlagenheit erzeugen.

Ich freue mich auf Ostern. Werde auch dieses Jahr den Besuch eines Osternachtsgottesdiensts vermissen, weil es hier in der Nähe keinen gibt. Und werde im Inneren in den Halleluja-Ruf am Ostermorgen einstimmen.

Glaubensunsicher

Kloster | schokofisch.de

Als ich letztes Jahr für einen Videodreh in einem Kloster mit einem Pastor darüber sprach, wie man seine Spiritualität im Alltag einbaut, begann er: „Suchen Sie sich einen ruhigen Ort in der Wohnung.“

Katze oder innere Sammlung?

Mir dämmerte nach diesem ersten Satz: Das klappt nicht. Oder: nur bedingt. Ich lebe mit zwei Katern zusammen, die sehr anhänglich sind. Egal, ob ich lese, Yoga mache oder Fernsehen schaue: Sie hängen irgendwie auf mir rum. Möglichst beide. Das führt zu einer gewissen Bewegungsunfähigkeit – und schließt „gelebte Spiritualität“ aus.

Natürlich gibt es Zeiten, zu denen sie schlafen – meist vormittags, wenn ich arbeite. Mich nicht um spirituelle Themen kümmere. Zu anderen Zeiten müsste ich abwarten, bis sie schlafen, um innerlich zu werden. Kompliziert.

Zeit für Morgenrituale?

Für die Vorbereitung des nächsten Drehs las ich mich in die Biografie des eventuellen Interviewpartners, der im Klosterorden lebt, ein. Er liebe das frühe Aufstehen, erzählte er, um mehr Zeit fürs Gebet oder Meditaton zu haben.

Hier weinte ich leise auf. Ich kann nicht früh aufstehen, jedenfalls nicht regelmäßig. Ich schaffe es einfach nicht. Schön wäre es: Ich würde Morgenseiten schreiben, vielleicht nebenbei den ersten Kaffee trinken. Leider brauche ich viel Schlaf, und das bedeutet: Entweder verkürze ich den Abend „radikal“. Oder ich stehe morgens auf, um zur Arbeit zu gehen.

Dass der Ordensbruder noch hinzufügte, er brauche eine ausgedehnte Mittagsruhe, um abends dann spät ins Bett zu gehen (und morgens um fünf wieder aufzustehen), konnte ich dann gut verstehen. Aber es widerspricht meinem Rhythmus leider komplett.

Kloster | schokofisch.de
Kloster Nütschau

Würde ich im Kloster leben (wollen)?

Warum erzähle ich euch das? Nun, weil die Video-Interviews in Klöstern tatächlich sehr spannend sind. Ich treffe auf völlig abweichende Lebensentwürfe. Katholische Mönche (bzw. Ordensbrüder) – natürlich wäre das nicht mein Leben, als evangelische Frau. Aber ins Grübeln kam ich durchaus anlässlich Besuchen in evangelischen Damenstiften oder Kommunitäten. Versteht mich nicht falsch: Es steht da keine Entscheidung an. Ich überlege nur: Wäre das theoretisch ein Weg, den ich mir vorstellen könnte?

Ich beneide Menschen in Gemeinschaften und Klöstern um ihre Möglichkeiten. Viele leben dabei mit sehr festgelegten Abläufen: regelmäßige Gebetszeiten mehrmals am Tag. Andachten und Gottesdienste. Räume, die dafür zur Verfügung stehen (ohne Katzen). Andere Menschen, die mit ihnen das gleiche tun, nämlich spirituell zu „agieren“.

Kloster | schokofisch.de
Kloster Wienhausen

Zweifel sind erlaubt

Bevor ich öfter solche Klöstervideointerviews drehte, dachte ich: Die Klosterbewohner haben es gut. Sind sie doch frei von Glaubenszweifeln, fest in sich ruhend, alles ist gut. In vielen Gesprächen merkte ich jedoch: Das stimmt nicht. „Sogar“ katholische Ordensbrüder erzählten von quälenden Zweifeln und Lebensfragen. Die aber, so ergänzten sie, dazu gehörten. Sogar in der Bibel vorkommen. Fast alle Propheten, die von Gott berufen wurden, sagten erst einmal: „Ich?? No way.“

Seitdem ich das weiß, geht es mir etwas besser. Es beruhigt mich. Ordensleute sind gar nicht „so perfekt“, dass sie sogar im Kloster leben können. Im Gegenteil, es gehört ja viel Mut dazu: trotz der Zweifel die restliche Welt (fast) hinter sich zu lassen. Beziehungen aufzugeben.

Nichts verpassen – oder endlich Ruhe?

Ich selber weiß, dass ich zu unruhig wäre: Etwas zu verpassen. Oder zweifeln, ob die Entscheidung richtig wäre. Eine Konventualin, also die Bewohnerin in einem evangelischen Damenstift, erzählte von zehn Jahren innerer Prüfung und innerem Ringen, ob dieser Weg tatsächlich richtig sein würde, bevor sie ihn dann tatsächlich einschlug. Und heute glücklich ist.

Den „Nervkram“ der Welt hinter sich lassen zu können – das wäre tatsächlich das, was mich am Leben im Kloster reizen würde. Wie gesagt, es steht keine Entscheidung an. Aber ich bin gespannt, welche neuen Einsichten der nächste Videodreh mit sich bringt.

(Das Titelbild zeigt übrigens die Kirche in Kloster Volkenroda)

Diesen Beitrag teilen:

Hej! schokofisch verpuppt sich

Weg | schokofisch.de

Lange war es ziemlich sehr ruhig hier. Mein beruflicher Weg veränderte sich in den letzten Jahren: Als ich hier zu schreiben begann, machte ich mich gerade selbstständig. Die Themen lagen im Bereich Social Media, WordPress & Co. Inzwischen arbeite ich wieder angestellt, meine Selbstständigkeit ruht quasi.

Und mein Fokus, mein Thema verändert sich: Seit drei Jahren arbeite ich für die Radiokirche (aka „Evangelische Kirche im NDR„) – natürlich rücken kirchliche Themen da in den Mittelpunkt.

Länger überlegte ich, was ich mit schokofisch mache. Ich mag ihn sehr, deswegen soll er natürlich weiterleben. Nun habe ich beschlossen, ihn auch weiter als Seite bzw. Blog über meine Arbeit zu nutzen – aber eben weg von den „reinen“ Social-Media-Themen.

→ weiterlesen
Diesen Beitrag teilen:

Under pressure

Kaffee | schokofisch.de

Jeden Tag nur 10 Minuten zu bloggen – das sollte doch möglich sein?! Kaum hatte ich mich vorgestern begeistert der Blogparade #10minBlog von Maren Martschenko angeschlossen, passierte gestern – nichts. Ich hab’s nicht geschafft. Arbeit, noch etwas einkaufen, dann die Freundin treffen, mit der ich verabredet war.

Vor dem Zubettgehen überlegte ich dann, ob ich noch müde zehn Minuten „pflichtbloggen“ sollte. Und merkte dann: Nein, ich bin zu müde. Heute Morgen beschloss ich, genau das zum heutigen Thema zu machen.

„Under pressure“. Kennt ihr den Song von Freddie Mercury und David Bowie? Ich mag ja die Puppenversion am liebsten:

Auch wenn es im Song nicht direkt um diesen Druck der Arbeit geht: Den Druck, schreiben (oder andere Dinge erledigen) zu müssen, kennen wir doch irgendwie. Und Maren hatte ja in ihrem ersten #10minBlog-Artikel beschrieben, dass Glaubenssätze eine große Rolle dabei spielen, warum man nicht bloggt.

→ weiterlesen

shift 2018: Veränderung wagen

shift | schokofisch.de

Vertraut den neuen Wegen, / auf die der Herr uns weist, / weil Leben heißt: sich regen, / weil Leben wandern heißt.

Was das Kirchenlied (EG 395, der Text ist übrigens von 1989!) thematisiert, ist Veränderung. Aber diese Veränderung bringt keine Stagnation mit sich, keinen Stillstand, sondern Lebendigkeit und Mobilität!

„Digitalisierung wird total überschätzt“, lautete das Eingangsstatement von Landesbischof Ralf Meister bei „shift„. Schließlich sei er erst in einem relativ späten Lebensalter damit konfrontiert. Kindheit und Jugend, junges und mittleres Erwachsenenalter – alles kam ohne aus. Doch sich den neuen Zuständen zu stellen ist wichtig.

Shift“ – der englische Ausdruck für Veränderung war gleichzeitig auch der Titel der, tja, Konferenz?, die am vergangenen Donnerstag in Hannover stattfand. Angesprochen von meinem Kollegen, wusste ich gar nicht genau, was mich erwartet. Da das Team der Evang.-luth. Landeskirche Hannovers sehr innovativ ist, fuhr ich gespannt hin.

Eine Menge Speaker*innen und Themen wurden avisiert. Ungewöhnlich schienen zunächst auch der Ort (Hafven, ein Co-Working Space) und die Uhrzeit (16-22 Uhr). Zusammenfassend kann man sagen: Eine Menge unterschiedlicher Wahrnehmungen von shift im (mehr oder weniger starken) Umfeld der Kirche. Vom Aufbau eines Co-Working Space über die Entwicklung von fairen Smartphones über Neuromarketing und die Frage, wie weit die Kirche eigentlich mit dem Thema Digitalisierung ist bis hin zum Coden für Kinder.

→ weiterlesen

Privat oder persönlich auf Facebook?

schokofisch.de

Auf einem Internet-Treffen der Nordkirche letzte Woche kam während einer Vorstellungsrunde und der Frage „In welchen sozialen Netzwerken bist du aktiv?“ eine spannender Punkt auf. Denn viele in der Runde pflegen zwar einen beruflichen Account (z.B. auf Facebook), nutzen das Netzwerk privat aber nicht. Andere dagegen schon. Aber: Wieviel „privat“ geht, wenn man auch beruflich aktiv ist, und wieviel Vermischung funktioniert / ist gut / möchte ich zulassen?

Keine leichte Frage, die – das vorweg – natürlich jede/r selbst für sich klären muss. In meiner eigenen Wahrnehmung hat sich dabei allerdings auch viel verändert. In erster Linie Facebook selbst.

Als ich mich vor rund zehn Jahren auf Facebook anmeldete, befreundete ich mich tatsächlich mich Freunden. Gruppen oder Seiten spielten für mich damals (falls es sie überhaupt schon gab?) keine Rolle. Facebook war eher ein Tool, um sich auszutauschen – damit aber auch nicht sehr tiefgründig, da eben auch relativ öffentlich.

„Ich bin Social Media Managerin“

Das änderte sich grundlegend, als ich mich auch beruflich mit Social Media zu befassen begann. Plötzlich entdeckte ich den Wert von Gruppen wie einer Lerngruppe des Kurses, den ich absolvierte, fachlichen Austausch- oder thematischen Gruppen. Hier begannen sich nun auch berufliche und private Kontakte zu vermischen. Ich befreundete mich auf Facebook mit Menschen, die ich in Kursen kennenlernte, wir aber persönlich keinen (direkten) Kontakt hatten.

→ weiterlesen

Barcamp Kirche Online: Von 3D-Druck zu 360°-Video

Köln | schokofisch.de

Alles wird echter: Die Kommuniktion, die Wahrnehmung und die Darstellung. Auch in der digitalen Kirche. Zu erleben beim diesjährigen Barcamp Kirche Online, das am letzten Wochenende in Köln stattfand.

„Ausgebucht!“, so lautete vor ein paar Wochen die Info zum Barcamp Kirche Online. Das gab’s noch nie – aber zeigt, wie wichtig auch für „Kirchens“ dieses Internedings inzwischen ist. Ursprünglich gestartet als Infobarcamp für Gemeinden und Ehrenamtliche, mauserte sich das #bckirche schnell zu einem Fachtreffen für alle, die im deutschsprachigen Raum digital in oder für Kirche arbeiten.

bckirche | schokofisch.de

Vernetzung: digital und real

Austausch, das war auch mein Anliegen. Bereits im letzten Jahr hatte ich am #bckirche teilgenommen und mich mit tollen Menschen vernetzt. Als innerhalb der Kirche im NDR allein für Social Media Zuständige bin ich darauf angewiesen, meine digitalen Kontakte bei Fragen, Ideen und Brainstrom hinzuzuziehen. Das klappt super, aber so ein Treffen „in der Kohlenstoffwelt“ gibt immer wieder ganz andere Impulse.

So begann das Networking am Freitag Abend im Brauhaus und endete am Sonntag im Bahnhof. „Wie gehst du mit Thema X auf Facebook um?“ bishin zu „Welche Technik setzt du für Videos ein?“

Digitale Möglichkeiten

Karsten KopjarSessionangebote gab es dank der großen Teilnehmeranzahl genug. Spannend zu hören war der Ausblick von Karsten Kopjar von der EKM zur Vision einer Onlinekirche: Ein Projekt, das zukünftig Interessierte und Engagierte online versammeln will und betont auch über die Grenzen von Landeskirchen hinweg organisiert werden will. Besonders in dünn besiedelten Gebieten oder in solchen mit wenig Kircheninteressierten könnten Online-Hauskreise oder gemeinsame Skype-Lunchangebote spannend sein. Auch die Frage, welche Rolle Smartphones zukünftig in Gottesdiensten spielen (können), wurde diskutiert: Immerhin haben wir diese Geräte quasi immer bei uns, sie werden bisher allerdings eher nicht eingesetzt.

Jan Ehlert von der EKiR stellte in seiner Session vor, welche digitalen Möglichkeiten es für Gemeinden gibt: Von der internen Organisation wie einem gemeinsamen Cloudspeicher für die Landeskirche oder Gemeinde, gemeinsam zu bearbeitenden Dokumenten und der Organisation von Protokollen und Fotos bis hin zur Frage der Chat- und WhatsApp-Seelsorge und der Speicherung von gehaltenden Predigten als Audiofiles.

Mit Oliver Quellmalz von der Nordkirche diskutierte ich in einer Session mit den Teilnehmenden über Trolle und Hatespeech. Tatsächlich haben viele Erfahrungen mit sehr eifrigen Usern auf Facebook, die andere mit ihren Überzeugungen konfrontieren, ohne wirklich diskussionsoffen zu sein. Dass dies durch die sozialen Medien verstärkt wird, davon waren alle überzeugt. Richtig zuverlässige Mittel dagegen gibt’s leider nicht…

Am zweiten Tag gab’s für mich viel Technik-Input: Wolfgang Loest aus der Lippischen Landeskirche stellte zunächst seinen 3D-Drucker vor und erzählte, wie und wofür er ihn in der Gemeindearbeit einsetzt. In einer weiteren Session ging es dann um den Einsatz von 360°-Kameras. Auf ein Stativ gesetzt, schaute er damit wie ein Wanderprofet aus – die technischen Ergebnisse sind inzwischen aber erstaunlich gut, wenn man ausreichend Speicher und Rechnerleistung zur Verfügung hat und die entsprechenden Programme, um sowohl Fotos als auch Videos entsprechend zu bearbeiten. Per Smartphone und Cartboard lässt sich das Ergebnis leicht in der virtuellen Realität betrachten. Und „in ein bis zwei Jahren sicher Standard“, so Wolfgang.


Christoph Breit von der ELKB entwickelte in seiner Session einen Überblick über digitale Anforderungen für Kirchengemeinden. Dabei stellte er gewissen „must have“-Faktoren wie einer Webseite und Kontaktinfos in verschiedenen Abstufungen auch „nice to have“-Faktoren zur Seite, die in Zukunft denkbar und wünschenswert wären. Den bereits dazu verfassten Blogartikel lest ihr hier.

Ingo DachwitzVertraut den neuen Wegen!“, forderte Ingo Dachwitz schließlich: „Social Media für Kirchen und Gemeinden“ ist längst noch nicht Standard. Wenn man sich allerdings anschaut, wie viele junge Leute Smartphones und digitale Medien nutzen, muss man zum Schluss kommen, dass der Kommunikationswandel bereits stattgefunden hat. Argumente wie „Lohnt sich für mich / uns nicht mehr“ können da einfach nicht gelten.

Spaß machte mir die Session über Slow TV von Ulli Naefken: Ein in Norwegen entstandenes Fernsehformat, das in Echtzeit Schiffe oder Züge auf ihren Routen oder Lachse den Fluss hinauf begeleitet. Beim nächsten Mal wurde das norwegische Kirchengesangbuch komplett durchgesungen – und das wiederum live gesendet. Wie sich das für kirchliche Themen umgesetzen lässt, überlegten wir – und es gibt durchaus Ansatzpunkte.

Wo waren eigentlich die Frauen, fragte ich mich beim Verfassen dieses Artikels. Doch, die waren auch da. Ich aber nicht in ihren Sessions. Aber z.B. präsnetierte Ines Langhorst vom Kirchenkreis Lübeck-Lauenburg ihre #Sonntagsmomente, Ines Hansla von Kirche Hamburg stellte die #Instakirche vor. Ihr könnt unter dem Hashtag #bckirche ganz viel nachlesen und hier sogar einige Sessions ansehen.

Nächstes Jahr wieder? Dann voraussichtlich in Dortmund! Ich bin gespannt, wie sich #digitaleKirche bis dahin weiter entwickelt!

 

 

Knipsen in der Kirche: #instakirche

St. Jacobi Hamburg | schokofisch.de

Die St. Jacobi-Kirche in der Hamburger Innenstadt: eine alte ehrwürdige Kirche, eine der Hamburger Hauptkirchen. Ich zücke mein Smartphone und fotografiere. Soweit, so gut. Das besondere: Wir sind allein, die Kirche ist an diesem Abend geschlossen. Exklusiv dürfen wir hinter die Kulissen gucken – und knipsen.

Wir sind nur knapp zehn Menschen, aber verteilen uns im gesamten Kirchenschiff. Dürfen auf der Kanzel stehen und den Altar „hintergehen“. Können durch die Bänke schlendern und uns auf den Boden setzen.

Mit offenen Augen

Ich merke, dass ihr anders durch die Kirche lauft als Touristen„, sagt Julia Siebrecht. Sie ist zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit der Kirchengemeinde und hat diesen Instawalk mit organisiert. „Ihr schaut einfach anders!“, fügt sie noch hinzu.

Das stimmt. Instergramer haben „den Blick“: Kleine Details oder ungewöhnliche Perspektiven – wir fotografieren viel und oft anders als ein Tourist, der „nur“ ein Erinnerungsfoto macht. Dabei wird viel ausprobiert, manches verworfen und anderes neu erfunden. Oft wirkt ein Bild nach der Bearbeitung oder dem Hochladen auf Instagram und einem besonderen Filter ganz anders, viel interessanter.

In Szene setzen

Bleibt mal so stehen!„, höre ich von hinten, als ich gerade im Mittelgang stehe und die alte Arp-Schnitger-Orgel anblicke. Auch das ist ein Stilmittel: Andere Menschen ins Bild zu holen und zu positionieren. Manche Instagramer inszenieren ihre Bild jedesmal mit einem bestimmten Utensil: einem bunten Schirm, der Frau in der knallroten Jacke, einer Glaskugel. Jede/r findet so seinen Stil, kreiert Eigenarten und Besonderheiten.

… und offenen Ohren!

Etwas später steigen wir durch das Barocktreppenhaus zur Orgelempore hinauf. Wir bewundern den alten, nicht mehr genutzten Spieltisch mit seinen seltsamen Registerzügen, und lassen uns von der Organistin Kerstin Wolf die Arp-Schnitger-Orgel erklären.

1653 erbaut, ist sie eine der bedeutendsten Barockorgeln Europas und lässt jedem passionierten Organisten und Orgelliebhaber das Herz höher schlagen. Ich habe selber (viel zu kurz) mal Orgelunterricht gehabt, kann das leider gar nicht gut (ich hatte nie Klavierunterricht) – aber der Klang und die Bedeutung dieses Instruments erwecken sofort Gänsehaut in mir…

Schließlich dürfen wir noch in das Innenleben der Orgel schauen. Ein dunkle Kammer mit Pfeifen, und über dem Spieltisch gibt es noch einen ersten Stock. Einige der Pfeifen sind so winzig, dass man kaum glaubt, sie hören zu können. Doch das kann man, wie wir uns danach überzeugen können. Und die ganz langen, tiefen Pfeifen erzeugen mehr eine Schwingung als einen „schönen“ Ton. Aber genau das macht eine echte Orgel aus, im Gegensatz zu rein digitalen Instrumenten: Man nimmt den Klang mit dem ganzen Körper wahr.

Am nächsten Freitag, dem 18. August, findet der dritte und letzte Instawalk in St. Jacobi statt. Wer Lust hat, melde sich über Instagram direkt bei @stjacobinsta an!

Herzlichen Dank an alle, die diesen Instawalk möglich gemacht haben! Auf Instagram könnt ihr die entstandenen Bilder unter #stjacobinsta und #instakirche bewundern.

 

Kirche in der digitalen Welt

Fenster | schokofisch.de

Passen Kirche und Digitalistan eigentlich zusammen? Verkündigung online, Social-Media-Gottesdienste, geistliche Impulse in den sozialen Netzwerken oder Blogs von Menschen, die in der Kirche arbeiten: Die Vielfalt ist groß.

Warum erscheint die Schere zwischen dem, was tatsächlich da ist und dem, was wahrgenommen wird, so groß? Und gibt es tatsächlich (kirchliche) Widerstände gegen die Digitalisierung, oder sieht es nur so aus?

Im Netz findet dazu gerade eine lebhafte Diskussion statt, mit unterschiedlichen Ansichten – am besten nachzulesen unter #DigitaleKirche. Ich versuche hier auch mal, meinen Standpunkt darzulegen.

1. Nicht alle Menschen sind online

Wenn es um Gottesdienst und Verkündigung sowie Seelsorge geht, zählt das Wort. Wie in den meisten Formen der Kommunikation auch. Ob 1:1 oder in Form von Unterhaltungen mehrerer Menschen. Niemand, der ernsthaft an der Thematik #DigitaleKirche teilnimmt, will das abschaffen und durch Social-Media-Kommunikation o.ä. ersetzen. Es wird also niemandem etwas weggenommen, wenn wir über #DigitaleKirche sprechen.→ weiterlesen